Einzelentscheid vs. Mehrheitsentscheid

Wenn eine Gruppe von Menschen ein Thema diskutiert, gilt es am Ende häufig eine Entscheidung zu treffen. Diese Situationen begegnen uns nicht nur regelmäßig im privaten Alltag (Was essen wir heute zu Abend? Wohin fahren wir in den Urlaub?), sondern vor allem auch im Arbeitsumfeld. In jedem Unternehmen und in jedem Team gibt es täglich mehr oder weniger signifikante Entscheidungen zu treffen, die den Verlauf und Erfolg eines Projekts maßgeblich beeinflussen können. In dieser Blogreihe gehen wir der Frage nach, warum es besonders in agilen Development Teams so wichtig ist, sich mit der Art und Weise der Entscheidungsfindung auseinanderzusetzen.

Da sich im Bereich der Softwareentwicklung Scrum als führende Projekt-Management-Methode durchgesetzt hat, spielt hier das Element der Eigenverantwortung eine große Rolle. Agile Teams handeln selbstorganisiert und müssen in hoher Frequenz eigenverantwortlich Entscheidungen treffen:

  • Wollen wir das Projekt für diesen potenziellen Kunden umsetzen oder passt er oder das Projekt nicht zum Unternehmen?
  • Welche der zu erledigenden Aufgaben haben eine hohe Priorität und welche können auch zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden?
  • Welchen Umfang haben die zu erledigenden Aufgaben?
  • Wie viele Einträge können wir im nächsten Sprint umsetzen?
  • Wie kann die Arbeitsweise effektiver gestaltet werden?

Es gibt häufig viele verschiedene Faktoren, die es bei der Auswahl einer geeigneten Methode zu berücksichtigen gilt:

  • Komplexität der Fragestellung
  • Tragweite und mögliche Folgen der Entscheidung
  • Vorwissen der Beteiligten an der Diskussion
  • Weitere Personen und Teams, die von der Entscheidung betroffen sein werden
  • Dringlichkeit der Fragestellung

In agilen Teams müssen die Entscheidungen häufig nicht nur in einer Vielzahl, sondern auch unter Unsicherheit oder Ungewissheit getroffen werden. Oft lassen sich Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten gewisser Folgen, die eine Entscheidung mit sich zieht, nicht verlässlich oder gar nicht schätzen.

Um den Prozess der Entscheidungsfindung zu vereinfachen und möglichen Komplikationen vorzubeugen, ist es sinnvoll, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Methoden gegenüber zu stellen und abzuwägen, welche Methode am zielführendsten für das jeweilige Thema ist. Wir haben unsere Erfahrungen zusammengetragen und stellen in dieser Reihe die gängigsten Methoden sowie deren Anwendbarkeit in agilen Teams vor.

Der Einzelentscheid

Beim (autoritären) Einzelentscheid fällt eine/fällen mehrere verantwortliche Person(en) eine Entscheidung. Vor der Entscheidung können (müssen aber nicht) Meinungen anderer eingeholt werden.

Wie funktioniert ein Einzelentscheid?

  1. Entscheider:in überprüft die Situation.
  2. Entscheider:in entscheidet, was zu tun ist.
  3. Entscheider:in teilt die Entscheidung (und ggf. die Begründung) allen Personen mit, die sie ausführen werden.
Vorteile Nachteile
Entscheidungen können sehr schnell getroffen werden. Die Entscheidungsfindung kann zum Gefühl der Intransparenz bzw. zu großem Kommunikationsaufwand führen.
Es gibt keine langen Diskussionen vor einer Entscheidung. Mangelnde Akzeptanz für die Entscheidung in der Gruppe/dem Unternehmen kann zu Unmut, Ablehnung und Nicht-Umsetzung führen.
Häufig verfügen die Entscheider über großes Hintergrundwissen und können so sachliche, fundierte Entscheidungen treffen. Von der Entscheidung Betroffene fühlen sich ggf. übergangen.
In hierarchischen Strukturen oder auch bei kleinen Gruppen mit offener Kommunikation gibt es eine hohe Akzeptanz der Entscheidung. Betroffene können der Entscheidung argwöhnisch gegenüberstehen.

Der Mehrheitsentscheid

Der Mehrheitsentscheid oder auch Mehrheitsentscheidung, Mehrheit, Majorität oder auch Mehrzahl ist der Klassiker unter den Abstimmungsmethoden: Eine Gruppe stimmt über eine Fragestellung ab und diejenige Option mit den meisten Stimmen gewinnt.

Die meisten demokratischen Wahlen basieren auf dem Prinzip des Mehrheitsentscheids, in der Schweiz werden Entscheidungen teils auch durch Mehrheitsentscheid getroffen (“Volksabstimmung”).

Wie funktioniert ein Mehrheitsentscheid?

  1. Eine Fragestellung wird erläutert und Lösungsvorschläge werden vorgestellt.
  2. Alle Wahlberechtigten dürfen eine favorisierte Wahl treffen - dies kann geheim/verdeckt aber auch öffentlich, z.B. durch Heben der Hand geschehen.
  3. Nach Auszählen der Stimmen gibt es entweder einen Sieger oder der Prozess wird wiederholt (z.B. bei Unentschieden) bzw. es kommt zur Stichwahl zwischen den Erstplatzierten.
Vorteile Nachteile
Jede:r darf eine Meinung abgeben. Jede:r darf mitbestimmen - auch ohne/mit wenig Ahnung vom Thema.
Die Methode ist schnell durchzuführen und bringt ein schnelles Ergebnis. Nur die Meinung der Mehrheit wird berücksichtigt, schlimmstenfalls werden Minderheiten nicht gehört.
Die Meinungen sind relativ einfach abzufragen (z.B. durch Handheben). Das Überzeugen der Wahlbeteiligten wird wichtiger als das Finden der besten Lösung - es gewinnt nicht die beste Lösung, sondern die der Mehrheit.
Viele Personen können eingebunden werden und fühlen sich damit auch an der Entscheidung beteiligt. Entscheidungen werden eventuell voreilig getroffen und sind schwarz/weiß, “Zwischentöne” werden nicht berücksichtigt.

Umsetzung in der agilen Praxis

In einem agilen Umfeld ist der Einzelentscheid nur bedingt einsetzbar - grundsätzlich sollte der Scrum Master immer versuchen, das komplette Team in den Entscheidungsprozess einzubeziehen, da dieses Prinzip die Basis des agilen Arbeitens bildet. Auch der Mehrheitsentscheid lässt sich durch die häufig überschaubare Größe von Scrum-Teams nur schwer umsetzen. Hier kann es durchaus zu Pattsituationen kommen, die einen negativen Einfluss auf die Zusammenarbeit im Team haben können.

„Meine Erfahrung ist, dass vor allem in größeren Teams die Entscheidungsfindung durch ausgedehnte Diskussionen sehr lange dauern kann. Hier kann dann im Einzelfall überlegt werden, ob per Einzelentscheid eine Lösung vorgegeben wird. Dies sollte allerdings im Scrum-Prozess eine Ausnahme bleiben, denn grundsätzlich finden sich für das Scrum-Framework deutlich geeignetere Entscheidungsmethoden als die hier vorgestellten Einzel- und Mehrheitsentscheide.” - Lukas, Scrum Master bei der Scandio

Wie diese Methoden aussehen und welchen Einsatz sie in agilen Teams finden, erfahren Sie in Teil 2 unserer Blogreihe zum Thema Entscheidungsfindung!

Wenn Sie mehr über Scrum und agiles Arbeiten erfahren wollen, schauen sie doch mal hier vorbei:
Scandio Report - Scrum Edition
Warum jedes agile Projekt über einen Proxy-PO nachdenken sollte